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Angst zu verschwinden

Im Spiegel gestern Karlheinz Braun, Theresia Walser und Roland Schimmelpfennig, dass die Theater das Urheberrecht mit Füßen träten, die Regisseure sich fürchteten, hinter dem Text zu verschwinden, sich dem „Wer ist lauter? Wer ist schneller?“-Markt unterwürfen.

Nun häng ich ja Heiner Müller an, der das „Verschwinden des Autors“ verlangt hat, was die Regisseure naturgemäß gern aufgreifen, um sich selbst als monomanisch-auratischer Künstler zu platzieren. Als eigentlicher Autor also; aber, mit Heiner Müller: auch dieser Autor hätte zu verschwinden.

Womit noch nichts gegen Handschriften gesagt ist, aber es hat sich herausgestellt, dass eine schöne, besser: spannende Handschrift sich nicht über Erfüllungsgehilfen-Theater, sondern nur im Prozess von Ensemble-Arbeit ergibt. Der Rest ist Gekritzel, wenn auch meist, na eh klar, mit schwerer Hand in die Unterlage gebohrt.

Nur: Was sollen sie machen? Dass so nicht nur eine Generation von Regisseuren (jetzt abgesehen von den mittelmäßigen Blendern, die zuhauf Möglichkeiten von Tiefenschärfe verstopfen) ihre Begabung verschleudern, sondern das Theater wie hingerissen an der eigenen Vernichtung arbeitet, kann man behaupten, vermuten, feststellen; aber ein Regisseur, der als Regisseur (weiter-)arbeiten will, muss den geforderten Geniestreich liefern, selbst wenn er weiß, dass das Genialitäts-Paradigma ein Witz ist.

So ist die Furcht, hinter dem Text zu verschwinden, Existanzangst. Ein Teufelskreis also. Denn selbstverständlich arbeiten die Intendant/innen nicht minder unter den Bedingungen dieser Existanzangst; und mehr als das eigene Publikum ist das überregionale Feuilleton Adressat der Events, die in die Welt zu setzen man versucht. Welches allerdings sowieso nur Trends und Moden nachrennt und selbstverständlich, wie ja gern auch Intendanten und Regisseure, den eigenen (Mode-)Geschmack zu einem Paradigma verklärt.

Als Ausweg sehe ich nur die Einsicht in die grundsätzliche Unmittelbarkeit des Theaters, die sich aller Globalisierung und jedweder Internationalität entzieht; somit die Konzentration auf Theater als Lokaltheater: die Zukunft des Theaters (und eben dieser deutschsprachigen Theaterlandschaft) entscheidet sich in der je eigenen Provinz, die jedes Theater aufgrund seiner Existenz kreiiert.

Dazu muss man allerdings begreifen, dass solches kein Zurückgehen auf ältere Konventionen ist, sondern, indem es modernistische, besser: modische Konventionen, wie das Regie-Event-Theater, in Frage stellt, neue Freiheitsgrade für Theater als Kunst zur Verfügung stellt. Aber das erfordert einen Mut ins Ungewisse, der keine überregional auffälligen Spektakel hergibt, also ist er ziemlich selten. Allenfalls sieht man ein, aber mit Bedauern, dass man auf das je lokale Publikum angewiesen ist und bequemt sich zu Kompromissen.

Wolfgang Palka | Sonntag, 24. Oktober 2004, 14:14 Uhr

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