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Lesen lernen

Als Theaterkritiker muss man vom Theater nichts verstehen.

In der Kölnischen Rundschau lobt ein Herr Hennecke eine Aufführung von Grillparzers „Goldenem Vließ“ in Essen. Dabei versteigt er sich zur Behauptung, dass das Stück eigentlich misslungen (was Grillparzer selbst darüber bemerkt habe), die Schauspieler jedoch, „auf der Suche nach einem Autor“ diesen in ihrem Regisseur gefunden, der „mutig“ den „Schinken entschlackt“ habe, etc.

Der Mann, wie viele Theaterkritiker, gehört in eine Schule des Lesens (das Schreiben geht ihm flott und flockig von der Hand). Dass das Vließ alles andere als misslungen ist, weiß jeder, der es ohne Vorurteil und konzentriert gelesen hat. Aber Vorurteil hin oder her: dass immer noch und immer wieder die Auffassung vertreten wird, ein Regisseur könne ein misslungenes Stück irgend „retten“, erstaunt mich jedes Mal. Dabei weiß jeder am Theater, vom Intendanten bis zum Billeteur, dass ein schlechtes Stück auch mit dem forciertesten ästhetischen Zugriff, den wüstesten oder gar intelligentesten Regieeinfällen nicht zu retten ist und schon gar nicht zu irgendeiner Art von Erfolg zu führen, und dass ein Regisseur niemals besser ist als der Autor.

Aber als Theaterkritiker muss man ja, wie bekannt ist (analog zu Georg Kreislers Musikkritiker), nur vom Kritisieren und nichts vom Theater verstehen.

Apropos: Eine Frau Pinetzki schreibt zur selben Aufführung im Westfälischen Anzeiger: „Jeder einzelne Darsteller hat seine Figur so verinnerlicht und spielt sie so intensiv, dass die etwas manirierte Sprache Grillparzers nach Umgangston klingt.“ – Und was soll man dazu sagen? Deppert sei halt deppert? Dass einem dazu nichts mehr einfalle? Dass ich von solchen Sätzen Wimmerln krieg …?

Wolfgang Palka | Dienstag, 30. Januar 2007, 14:14 Uhr

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