Der Souffleur

Vom Absterben des Regietheaters

Der Beruf des Regisseurs hat sich aus dem des Souffleurs entwickelt, der den Autor unterstützt und, wenn dieser nicht selber imstande oder willens war, seine Stücke auf der Bühne zu organisieren, ersetzt hat. Was nicht bedeuten soll, den Regisseur plötzlich, nachdem er jahrzehntelang sich für den eigentlichen Urheber der Aufführung gehalten hat (wohl auch reagierend auf die Gegebenheiten des Films), grundsätzlich in Frage zu stellen; aber durchaus, das Nachdenken darüber anzuregen, inwiefern denn dieser Beruf den Status, den er entwickelt hat, tatsächlich entfalten kann. Ich will, um nicht lange herumzureden, für eine neue Bescheidenheit votieren: der Zwang, dem Regisseure ausgeliefert sind, Genialität zu zeigen, unverwechselbare Handschrift, das eigene Neue im Alten, das geschärfte Andere als Besonderes im Gewöhnlichen, hat eine ganze Generation von Begabungen unter Druck gesetzt und zu Effekthaschern verunstaltet. Heute zeigt sich, wenn auch die Rezensenten, die indes alle verlernt haben, sich der magischen Energie des Theaters anheimzugeben, nach wie vor damit beschäftigt sind, alte Genies und neue Wilde zu preisen, dass die Kunst dieses Berufs als selbstverständliches Können nicht mehr existiert. Aber dieses Können, das nicht der Hybris verfallen ist, ist in der gegenwärtigen Krise des Theaters, überlebens- und lebensnotwendig, wie insgesamt Können in allen Bereichen.

Kommunikation

Damit ist nicht vorgeschlagen, dass sich Regisseure auf die Bravheit des Arrangierens von Konventionen zurückziehen sollen, zumal konventionell, was den Beruf des Regisseurs betrifft, ja heute Selbstinszenierung ist auf Kosten der Energien aller übrigen Beteiligten und der Geschichte, die zu erzählen wäre. Vielmehr plädiert dies für eine größere Genauigkeit der Lektüre und der Auseinandersetzung, für ein vehementeres Eindringen und Sich-Ausliefern, für klares Denken und authentische Emotionen, für eine Haltung, die Selbstverwirklichung in kommunikativen Prozessen nicht verwechselt mit Selbstdarstellung als Zweck.

Überhaupt ist Kommunikation der entscheidende Schlüsselbegriff bei der notwendigen Neu-Definition des Sinns von Theater.
Denn Theater funktioniert in keiner Weise mehr als Erziehungsinstitution; aufklärerisches Pathos hat genauso ausgedient wie der Amtscharakter. Theater, wie alle Kunst und Bildung, ist kommunikatives Angebot, Lebensraum als Standort und Methode von Weltbeobachtung, die auf Kommunikation wieder verweist; die wiederum nicht auf Utopie und Konsens festgelegt ist (wie selbstverständlich nach wie vor nicht auf Prozesse des Affirmativen), sondern Freiheitsgrade entwickelt der Offenheit, Durchlässigkeit und radikalen Aktualität.

Wieder brauchbar

Nun wäre es übertrieben, den Regisseur zurück in den Souffleurkasten zu verweisen, ihn aufs Vor- und Einsagen zu reduzieren; aber er muss wieder brauchbar werden; muss aus seiner Selbstüberhebung zurückkehren auf die Erde, auf die Bretter, ins Ensemble zurückfinden, das aus seinem Marionetten-Dasein sich emanzipiert. Das Blatt hat sich schon gewendet, Schauspieler und Schauspielerinnen haben ihre Ansprüche schon mehr als angemeldet, die Besten unter den Regisseuren und Regisseurinnen haben den Firlefanz, nachdem sie ihren Status erreicht haben, schon aufgegeben und lassen die Feuilletons plappern, während sie in und mit den Ensembles die Geschichten, die nur das Theater erzählen kann, nämlich spielen und verkörpern, organisieren: mit-erzählen, mit-gestalten.

Vorschlaghammer der Selbstergriffenheit

Nun ist neuerdings nicht nur von Dekonstruktion, sondern auch vom postdramatischen Theater die Rede. Wobei auffällig ist, dass die dabei wesentliche postaufklärerische Haltung in der Regietheater-Praxis zur Attitüde verkommt, insofern ein Hauptzug der Aufklärung, erzieherisch sein zu wollen, was inzwischen auf die Verachtung des Publikums hinausläuft, beibehalten und als avantgardistisch zelebriert wird.

Nun wäre Dekonstruktion gewiss weder unspannend noch unbrauchbar, indem sie Texte (wobei alles als Text betrachtet wird, nicht nur das Aufgeschriebene und Gesprochene) beim Wort nimmt einerseits, andererseits ihre Voraussetzungen und Hierarchien unterminiert; aber das – nach schludriger Lektüre und willkürlicher Montage – manische Unterjubeln von Regisseursbefindlichkeiten, welche aufgeplustert werden zu Energien gegen den Original-Text, der damit gar nicht dekonstruiert, sondern nur mit dem Vorschlaghammer der Selbstergriffenheit zerbröselt wird, woraufhin nichts bleibt als ein keuchendes Geräusch und ein unangenehmer Geschmack im Mund, ist nur der verzweifelte Versuch der Mittelmäßigen, als genial wahrgenommen zu werden. Dies, unter Deutschen, eine inzwischen auch schon alte, recht uninteressante, aber weit verbreitete Attitüde: ein Original-Genie sein zu müssen.

Absterben des Regietheaters

Aber es ist klar, dass jemand (wie unsereiner), der unter anderem Barock und Hanswurst im Köcher seiner Theatertradition mitführt, das Getöse um eine falsch verstandene Dekonstruktion wenig beeindruckend findet; und den Begriff postdramatisches Theater für den recht eitlen Versuch eines Theaterwissenschaftlers zu halten geneigt ist, pro domo alles, was am Theater in den letzten etwa 20 Jahren aus dem Mainstream herausragte, in eine allzu überschwängliche, im Grunde kauzige Theorie einzubasteln.

Dass solche Theorie, indem sie ausschließlich ästhetisch ansetzt, mit dem Absterben des Regietheaters, das noch ausführlich zuckt, korrespondiert, versteht sich. Und, wo sie ernstgenommen wird, genauso wie dieses Zucken die gegenwärtige Krise des Theaters vertieft, die ja eine des Sinns und also der Brauchbarkeit ist und über forcierte Ästhetik nicht aufzulösen.

Dass jedoch nicht eine Kunst, die das Publikum über Konfrontation unterwerfen oder, wenn dies nicht gelingt, austauschen will, durch eine sich unterwerfende Kunst ersetzt werden soll, ist selbstverständlich.

Redaktion | 5. September 2004

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