Erster Brief an Kora

Briefe an Kora, die Schauspielerin werden will, erster Brief

Liebes Fräulein Kora,

möcht ich fast schreiben, weil mir so altmodisch zumute ist im Moment oder weil ich mir heute alt vorkomme, ach, Geschwätz, ich hoffe, Sie haben die Feiertage angenehm verbracht.

Dass ich erst jetzt die Zeit finde, Ihnen zu antworten, hat nicht nur den Grund, dass ich in meinem Wehleid ein wenig erstarrt gewesen bin, sondern weil Ihre Frage was Besseres verdient als das, was ich spontan hätte antworten wollen. Spontan hätte ich Ihnen abgeraten. Lassen Sies, hätte ich geschrieben, suchen Sie sich einen Beruf mit gleitender Arbeitszeit in einem Unternehmen, das ordentlich strukturiert und freundlich geführt wird. Wobei bei Letzerem die Probleme schon anfangen. Aber gehen wir einmal davon aus, dass es solche Unternehmen in anderen Berufen gibt, im Theater, obwohl das Theater als Kunst darauf angewiesen ist, sind ordentliche Strukturen und freundliche Führung selten. Aber das ist vielleicht noch gar kein Grund, Ihnen abzuraten – jedenfalls habe ich, um Ihnen nicht spontan zu antworten und also abzuraten, mir Gedanken gemacht und auch Notizen, ältere Notizen hervorgeholt, die Zeitschriften durchgeblättert: Sie haben gar keine Vorstellung, was für ein Geschwätz einem da entgegenquillt, nicht nur aus den Zeitschriften, auch aus den eigenen Notizen. Gott! Wie leichtfertig und drüber weg manches, wie größenwahnsinnig und selbstgefällig, während man die Größenwahnsinnigen und Selbstgefälligen fast mit Hass beobachtet, sollte doch Selbstbeobachtung, welche man von den anderen immerzu einfordert …

Jedenfalls – es hat wenig Sinn für Sie und mich auch, wenn ich mich geißle – sehe ich mich außerstande, Ihnen auf Ihre Anfrage eine kompakte Antwort zu geben, und es wird sich demgemäß die Sache nicht in einem Brief abhandeln lassen. Aber ich beginne einmal. Und wenn Sie mir nicht „Genug“ zurufen und jemand anderen fragen, werde ich im Lauf der Zeit alles, was ich weiß (und zu wissen glaube) und was Ihnen möglicherweise nützlich sein kann, brieflich Ihnen mitteilen.

Wenn ich Ihre Anfrage so ganz richtig verstanden habe, möchten Sie wissen, welches der günstigste Weg ist, den Beruf der Schauspielerin zu ergreifen. Wobei: wenn Sie nicht sicher sind, dass Sie diesen Beruf ergreifen wollen, vielmehr, wenn dieser Beruf Sie nicht bereits ergriffen hat (der ansonsten übrigens keinerlei Ergriffenheit verträgt, vor allem keine Selbstergriffenheit), sollten Sie es lassen und irgendetwas Anderes machen. Auch: wenn es denn die Sehnsucht nach Prominenz ist, nach Bedeutung in Klatschspalten und Seitenblicken, also nach Karriere in erster Linie, wenn Ihnen Karriere nicht völlig gleichgültig ist und nur interessant in Bezug auf wachsende Möglichkeiten, wenn Sie, um Erfolg zu haben, sich dieses Berufs nur bedienen wollen: dazu kann ich nichts sagen, davon versteh ich nichts.

Was mir leid tut. Nicht nur, weil ich Ihnen diesbezüglich keine Hinweise geben kann, sondern weil ich mir selber diesbezüglich keinen Hinweis imstande bin zu geben. Denn um sein Talent, seine Talente zu entfalten, ist man ja genötigt, den Ort und entsprechend Raum zu finden, wenn man ob der Bedingungen der Möglichkeit Gewissheit hat, aber nicht weiß, wie die Möglichkeit sich zu organisieren, ist das nicht günstig. Aber in diesen Dingen, wie man Karriere macht, müssen sie anderswo Rat finden. Für mich hab ich in diesem herausgefunden, dass man nur den eigenen Weg gehen kann, unerbittlich, wahrhaftig, ohne sich zu verkaufen (was allerdings nicht heißt, man sollt’ es ohne Gage, und auch nicht, dass ein ärmeres das bessere Theater wäre). Also kommt Antichambrieren nicht in Frage. Und der geläufige Satz, dass das „Klappern“ zum Handwerk gehöre, trifft nur insofern zu, dass man durchaus nicht bescheiden sein muss und selbstverständlich auf das hinweisen soll und muss, was man so macht und meint, aber sich mächtige Freunde zu suchen, deren Eitelkeit man kitzelt, sich an Sie anzulehnen und Ihnen schön zu tun, die ganze Oaschgräulerei und Freunderlwirtschaft kommt nicht in Frage: damit verschwendet man die substanziellsten Energien, die reserviert sind für die Kunst und also verloren, wenn an die Gier nach Bedeutung verraten. Wenn man die Wahrhaftigkeit gering achtet, verliert man sich selbst. Das gilt für alle Kunst, und dieser Beruf, der des Schauspielers, der Schauspielerin, ist ein Kunst-Beruf, vergleichbar durchaus dem des Dichters, des Malers, des Komponisten etc. Naturgemäß gibts auch Schlagerkomponisten, kunstgewerbliche Maler, Trivial-Autoren, so auch kunstgewerbliche Darsteller und Darstellerinnen, die gleichwohl oft gefeiert werden als Schauspieler, aber es sind keine, es sind Kunstgewerbler wie jene, die im Zustand der Anmaßung leben. Wobei gar nichts dagegen einzuwenden ist, dass es sie gibt, wenn sie denn ja gebraucht werden, und wenn Sie sich zu diesen gesellen wollen, dann wünsch ich viel Vergnügen und Erfolg, und ja, der Reichtum, der auf diesem Wege möglich ist zu erringen, mag Sie entschädigen dafür, dass sie keine Schauspielerin geworden sind, und es gibt, nicht nur aus finanziellen Gründen, keinen Grund für Verachtung – wer verachtet, zumal, verachtet immer sich selbst.

Aber, um es auf den Punkt zu bringen: Der Beruf der Schauspielerin ist ein Wahrhaftigkeits-Beruf. Kein Täuscher-Beruf, kein Lügen-Beruf, man schlüpft nicht in jemand Anderen und ist dann dieser Andere, während man sich selber aufgibt, im Gegenteil: man kann nur jemand Anderer sein, wenn man ganz man selbst ist. Und das hat nichts damit zu tun, ob man jetzt ein Verwandler, wie Guiness, oder wie Bogart ein Schauspieler ist, der immer nur Varianten einer Figur spielt. So paradox. Man muss da hinaus und sich selbst riskieren. Und wer das nicht tut, der hat da draußen nichts zu suchen.

Und dabei ist es auch vollkommen gleichgültig, ob, was die Regisseure betrifft, eine realistische oder irgend avantgardistische, also eine narrative oder eine dekonstruierte Aufführung stattfindet, dramatisch oder postdramatisch (wie einige derzeit geneigt sind, manch nur scheinbar neue Theaterform zu nennen, aber darüber, dass Drama immer ist, Handlung, ob nun von Sprache dominiert oder nicht, ob von vorn nach hinten oder nicht, darüber später). Da draußen, auf der Bühne, ausgesetzt, die Körper der Spieler, ihre Existenz in diesem Augenblick. Und wenn ihnen nicht gelingt, den Atem des Publikums zu bestimmen, dann ist ihnen nichts gelungen. Wobei es, wiederum, nicht drauf ankommt, ob das Publikum sich mitreißen lässt oder anrühren oder zum Nachdenken anregen. Wenn die Aufführung nicht als Einheit der Spieler mit dem Publikum entsteht, das Kunstwerk Theater also, das genau diese Aufführung ist, die gerade entsteht, dann ists misslungen.

Nun misslingt aber, so gesehen, vieles am Theater. Und eine Schauspielerin, oder auch das ganze Ensemble, kann nicht einfach „wollen“, dass es gelingt, und dann gelingts auch. Und man kanns beim nächsten Versuch, wenn das Ganze so angelegt ist, wie es nun einmal angelegt ist, und wenn das nicht funktioniert mit dem Publikum, man kanns also auch beim nächsten Versuch nicht zwingen, weil mans ja überhaupt nicht zwingen kann, weil es ja überhaupt nicht ausrechenbar ist, also man spielt das dann dreißig Mal, weil ja etwa das Abonnement bedient werden muss, und die Leute sind womöglich höflich und finden es eh ganz gut, oder sie verlassen das Theater zur Pause, und die Spieler gehen dreißig Mal ab nach dem Applaus, den sie versuchen, eh ganz toll zu finden, und sie klammern sich an das Lob von Freunden und von Fremden, um wieder Mut zu finden für die dritte, vierte Vorstellung, und es wird nichts und kann nichts werden – Wollen Sie das haben? Wollen Sie das, sagen wir, jedes zweite Mal etwa haben, im besten Fall, wenn Sie nicht in eine Truppe geraten, die einen besondern Glückslauf hat, oder in ein Ensemble, das so zusammengewächst im Lauf der Zeit, dass Misslingen es nicht kränken kann?

Aber dann auch dies:

Vor einigen Jahre habe ich in einer Theaterproduktion mitgespielt, die in allem sehr gelungen war, und der Genuss war groß, eine Komödie, und man konnte in jeder Vorstellung erfahren, wie anders, bei akribischer Einhaltung der Vereinbarungen, sie ist und nur sein kann, gerade mit dem jeweils anderen Publikum. Und einmal, es war Sommer, das Wetter außerordentlich schön, heiß, plötzlich eine Vorstellung, die nicht wie sonst ausverkauft war, sondern da war nur eine Gruppe von alten Damen, und es fing also an, guten Mutes, und dann kam nichts, gar nichts, kein Zucken, kein Lachen, nicht einmal ein Schmunzeln: vierzehn völlig versteinerte Lebewesen, und es lag nicht etwa daran, dass die Hörgeräte kaputt gewesen wären, es gefiel ihnen nicht, oder auf eine Weise, die uns nicht erreichen konnte. Dass sie nicht tot waren, war zuletzt daran zu erkennen, dass eine der Damen, als ich mich zum Schlussbild gesellte, und ich hatte dafür ein Sakko anzuziehen, auf dem auf der Schulter eine ausgestopfte Taube angenäht war, sie stank, ich mochte sie nicht, dass eine der Damen also, meiner ansichtig, laut so etwas wie „Da, ein Vogel“ sagte. Daraus, und nur daraus, entstand dann, nach der Vorstellung, bei uns Gelächter. Alles andere war Verzweiflung. Wir waren verloren, vollständig und für immer. Es war vorbei. Das Theater war tot.

Wollen Sie das haben? Es ist vermutlich schlimmer als dreißig Mal eine misslungene Aufführung zu spielen.

Am nächsten Abend, nachdem wir das Ende des Theaters erlebt hatten und wussten, dass es keinen Weg gab zurückzukehren, keine Chance, die Komödie, das Lachen wiederzugewinnen, als wir also verzweifelt hinaus gingen, pflichtgemäß, die Hütte war gefüllt bis oben, sind wir, auf verlorenem Posten, eingetaucht in eine Freundlichkeit, eine Offenheit, ein Lachen, eine Aufmerksamkeit, in den Atem dieses Publikums, das begierig war auf die Geschichte und ihre Form, und staunend, glücklich, zärtlich haben wir gespielt, was zu spielen war.

Ja, das möchten Sie haben, keine Frage. Nur gibts das eine höchstwahrscheinlich nicht ohne das andere.

Theater ist Magie. Aber Magie ist nicht rationalisierbar. Man muss seinen Job machen gemäß allen Möglichkeiten, die man hat, bis zum Äußersten, arbeiten, kämpfen auf verlorenem Posten, und dann loslassen, allen Ehrgeiz, alle Sucht nach Erfolg und Bedeutung fahren lassen, und so hinaus auf die Bühne, hochkonzentriert und bereit, sich selbst zu riskieren. Und dann ist immer noch nichts garantiert.

Redaktion | 22. September 2009

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