Lustspiel in jeder Hinsicht

Der ‹Impressario von Schmierna› von Franzobel im Wiener Lustspielhaus, inszeniert von Vicki Schubert mit einem lustvoll-spielfreudig agierenden Ensemble: ein in allem überzeugender Theaterabend, noch bis 6. September zu sehen.

Franzobel hat ein ganz heutiges Stück ganz in der Tradition der Wiener Volkskomödie geschrieben. Einer Tradition, die zwar in ihren klassischen Meisterwerken (von Raimund und Nestroy) in unserem Land ausführlich und in oft wunderbaren Aufführungen gepflegt, aber als gegenwärtig-lebendige Möglichkeit kaum je wahrgenommen wird. Hier nun wird – in frech-unverschämtem Zugriff auf einen Klassiker (wie es sich gehört) – die Grundsituation von Gogols Revisor benützt, um eine heruntergekommene Theatertruppe zu zeigen, die durch Gier, Intrige, Missgunst, Eifersucht, Alkoholismus und Größenwahn zerfällt und wieder zu sich findet in einem lustvoll-prekären Happy End. Wobei diese Geschichte, so hermetisch sie erscheint, welthaltig genug ist, um auch tiefere Bedeutungen zu vermitteln, so man sich mit solchen will aufhalten.

Der Impressario von Schmierna
Der Impressario von Schmierna

Die Regisseurin, Vicki Schubert, selbst eine begnadete Komödiantin, inszeniert auf einer karg-praktikablen Bühne (von Stephan Koch) das Stück klug-geradlinig und ganz im Vertrauen auf ihr Ensemble, dem sie komödiantische Entfaltungsräume schafft, die es genussvoll zu nützen weiß.

Posse mit Gesang (Liedtexte von Helmut Emersberger, Musik Thomas Hojsa). Das kleine Orchester hinten oberhalb der Bühne immer präsent. Couplets, eine Art Quodlibet, Gesänge, in die Handlung eingefügt, sie weiter treibend, aber auch aus dem Geschehen herausgehoben, kommentierend.

Amüsant die Umkehrung des Gut-Böse-Schemas, dass nicht der Theaterdirektor Wendelin Wunderlich (Florentin Groll), unendlich liebenswürdig und blöd-elegant auf der Suche nach dem Genialen in sich, seine Truppe gewinngierig ausbeutet, sondern der Theaterdiener Alpheus Poidlstayn (Adi Hirschal), mit dem zum Zweck gebändigten Rache-Furor des Unterdrückten, alle Einnahmen unterschlägt, um das Theater zu ruinieren und dann zu übernehmen, aber so raffiniert intrigiert, dass er sich selbst überlistet. Denn Ignaz Bach (Christian Dolezal, alle Register seiner Komödienkunst ziehend) ist nicht der Finanzbeamte, für den er ihn hält und den er zwingt, sich als reicher russischer Theaterunternehmer auf der Suche nach einem Ensemble auszugeben, sondern ein Jungschauspieler aus der Provinz, der zum Vorsprechen gekommen ist und den Russen, den er mit großer Geste und heftigem Akzent gibt, für die Möglichkeit hält, der Truppe beitreten zu können. Einer Truppe, in der jede und jeder einzelne, gelockt von Ruhm und Reichtum, zu selbstgefällig-größenwahnsinniger Intrige ansetzt und sich drin verfängt. Guggi Floh-Axinger etwa (Tania Golden), die nicht mehr ganz junge Soubrette, deren Gesangs- und Schauspielkunst allerdings in keiner Weise nachgelassen, die mit dem aufstrebenden Jungstar Petra Nimmich (Maddalena Noemi Hirschal), der von sich unendlich überzeugten Direktorstochter, in eine Privatfehde verwickelt ist, Klaus Maria Brandteigkrapferl (Alexander Lang), der vor Eitelkeit nahezu platzende Bariton, Luigi Trombosi (Boris Eder, mit geschärft italienischem Akzent), der mit allen diesbezüglichen Klischees samt Pomadenfrisur ausgestattete Tenor, der in erster Linie damit beschäftigt ist, vor Eifersucht alle wahnsinnig zu machen und selbst zu werden. Aber diese Eifersucht ist verständlich: seine Ehefrau, Demeter Chaiseenpola (Maxi Blaha), zirka drei Köpfe größer als ihr Gatte, und dünn, so dünn, ist die dem Schnaps verfallene Diva, ein in Rausch und Halbrausch immer weiter zur letzten Wahrheit vordringendes Zauberwesen des Komischen, die den Höhepunkt ihres Verschmelzens mit dem alkoholgetränkten Universum mit der Geschichte von Ei und Nudel zelebriert: anbetungswürdig, zum Niederbrechen.

Aber im Grunde sind sie alle anbetungswürdig, diese so unterschiedlichen und hier von einer klugen Regie so aus einem Ensemble-Guss spielenden Komödianten, tatsächliche Komödianten: die Tiefen auslotend mit tänzerischer Leichtigkeit, mit aus Existenzangst und Verzweiflung gepeistem Witz, dessen einzige Gewissheit, die Pointe, bekanntlich immerzu bedroht ist. Komödianten, die Kinder Molières, oder besser, in Wien: Raimunds und Nestroys Kinder, mit den Fähigkeiten ihrer Väter ausgestattet, auf ihren Spuren angekommen im Heute …

Nachsatz

Dem Wiener Kulturamt ist vorgeworfen worden, dass es das Lustspielhaus ohne Einbeziehung der Gremien der sogenannten „Wiener Theaterreform“ (von welchen Förderung für ein solch dezidiert lokales, so gar nicht international sich gebärdendes, in keiner Weise auf Kompatibilität mit deutschen Koproduzenten achtendes, überhaupt nicht dümmlichen Pseudoavantgardismen frönendes Unternehmen keinerlei Empfehlung zu erwarten gewesen wäre) gefördert hat. Dafür gebührt ihm Dank. Beziehungsweise ist zu bedauern, dass das Wiener Lustspielhaus, zumindest in der Form, in der es sich derzeit präsentiert, nicht im Zentrum einer Theaterreform steht, die den Namen „Wiener Theaterreform“ tatsächlich verdienen würde. Zwar ist die tatsächliche Reform, in einer ersten Revision, von vielem Peinlichen schon wieder abgerückt, aber ihr Grundanliegen, das Wiener Theaterwesen unter der Überschrift „Internationalität und Innovation“ als deutsche Provinz einzurichten, hat sie noch lang nicht aufgegeben.